Warum wir Fake-News um Corona links liegen lassen sollten – Eine Perspektive aus Behavioural Insights

Warum wir Fake-News um Corona links liegen lassen sollten – Eine Perspektive aus Behavioural Insights
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Was ist im Umgang mit Fake News zu beachten?

In der aktuellen Lage im Umgang mit dem Corona-Virus sollte sicherlich zwischen zwei grundsätzlichen Phänomenen unterschieden werden. Zum Einen die eigentliche medizinische und versorgungstechnische Herausforderung und zum anderen den Dynamiken, die sich geradezu ausschließlich auf einer psychologischen Ebene abspielen und über genereller Unsicherheit bis hin zur Hysterie oder gar Panikmache reicht und damit die Situation noch zusätzlich erschwert. Was nicht zu leugnen ist: Das Coronavirus breitet sich weiter aus und damit auch die Dichte an Fake-News (Falschinformationen) und Gerüchten, was mitunter zu zusätzlicher Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung führt. Falschinformationen werfen gerade bei Laien Fragen darüber auf, wie man sich nun richtig verhalten soll, wie man sich vor Ansteckung schützen kann und was passiert, wenn man sich doch mit dem Coronavirus infiziert hat. Sie können jedoch im schlimmsten Fall auch dazu führen, dass sich Krankheiten unnötigerweise gar schneller verbreiten.

Für Regierungen, Politiker und Experten für öffentliche Gesundheit stellt sich daher die Frage, wie mit Fake-News umgegangen werden soll. Ein Blick auf vergangene Epidemien und Forschungsarbeiten zeigt, dass die gegenwärtigen Ansätze der Regierung zur Bekämpfung von Fehlinformationen und Verschwörungstheorien über das Corona-Virus ineffektiv oder sogar kontraproduktiv sein könnten (Merriam and Behrendt 2020).

Misinfodemic - Fehlinfodemie: Falschinformationen ernst nehmen

Falschinformationen, die sich hauptsächlich online verbreiten, treiben nachweislich die Ausbreitung von Krankheiten voran. Das englische Wort „Misinfodemic“, auf Deutsch frei übersetzt „Fehlinfodemie“ bezeichnet die Ausbreitung eines bestimmten Gesundheitsergebnisses oder einer bestimmten Krankheit, die durch die (im übertragenen Sinne virale) Verbreitung von Fehlinformationen gefördert oder im Extremfall erst ermöglicht wird.

Ein Erreger, wie der aktuelle Corona-Virus, verbreitet sich medizinisch zwar ausschließlich über Tröpfchen (Husten und Nießen) und teilweise Oberflächen, wenn wir vergessen in unsere Armbeuge zu niesen oder unsere Hände nach Kontakt nicht ausreichend waschen. Jedoch können auch Kanäle der Sozialen Medien oder Google-Einträge zu der Verbreitung einer Erkrankung fördernden Stimmung und damit einhergehender Verhaltensweisen beitragen (Gyenes and Mina 2018). Jüngste Untersuchungen ergaben, dass Twitter-Bots Inhalte austauschen, die zu einer positiven Stimmung in Bezug auf E-Zigaretten beitragen. In Westafrika trugen Online-Fehlinformationen zur Zahl der Ebola-Todesopfer bei. Ein verbreitetes Gerücht besagte zum Beispiel, dass der Impfstoff gegen Ebola seine Empfänger steril macht (Spinney 2019). Dies entfachte Misstrauen und verlangsamte die Eindämmung der Epidemie. Forscher befürchten außerdem, dass das Wiederauftreten vermeidbarer Krankheiten wie Masern auf irreführende Inhalte im Internet zurückzuführen ist, welche zu einem sinkenden Vertrauen in Impfstoffe geführt haben.

Auf Falschinformationen noch besser reagieren

Da Falschinformationen also tatsächlich in direkten Zusammenhang mit der Verbreitung von Krankheiten gebracht werden können, stellt sich daher die Frage, wie damit aus verhaltens- und kommunikationswissenschaftlicher Sicht (Stichwort „Behavioural Insights“), am besten umzugehen ist. Im Falle der Coronavirus-Pandemie hat sich schon seit Beginn gezeigt, wie Fake News zu Verwirrung und Unsicherheit führen können und womöglich auch die Anstrengungen zur Eindämmung untergraben können.

Das BMG und auch Politiker haben in der jüngsten Vergangenheit über ihre Social Media Kanäle ganz explizit auf kursierende sogenannte „Fake News“ hingewiesen. Dabei wurde explizit die jeweilige Fake News aufgegriffen und als „falsch“ entlarvt. Am vergangenen Wochenende wurde hier insbesondere auf zwei Sachverhalte Bezug genommen: 1. Die Einnahme von Ibuprofen habe einen negativen Effekt auf den Krankheitsverlauf beim Corona-Virus 2. Die Regierung beabsichtige, weitere Einschränkungen im öffentlichen Leben vorzunehmen. Ersteres wurde – zugegebenermaßen trotz fehlender stichhaltiger wissenschaftlicher Fundierung – inzwischen von Frankreich und der WHO öffentlich als Empfehlung herausgegeben. Zweiteres hat sich leider auch bewahrheitet durch vermehrte Einschränkungen im öffentlichen und privaten Raum. Auch wenn mit diesen Botschaften in dem Moment beste Intentionen verfolgt wurden, hat dies wohl leider nicht dazu beigetragen, mehr Vertrauen und Ruhe in der Bevölkerung zu stiften.

Es bestehen Hinweise darauf, dass die Verbreitung von korrigierenden Informationen auch unabhängig von der Entwicklung der Wissenslage womöglich die falsche Strategie sein könnte und dadurch zwar nicht beabsichtigte negative Konsequenzen mit einhergehen. Obwohl korrigierende Informationen bei der Änderung von Überzeugungen häufig zumindest kleine Wirksamkeit aufweisen, können diese Effekte erheblich variieren und in einigen Fällen für die Überzeugungen oder das Verhalten der Bevölkerung kontraproduktiv sein. Zwei Online-Experimente aus Brasilien haben zum Beispiel gezeigt, dass die Bereitstellung von Informationen, welche Fake-News über das Zika-Virus revidierten, Missverständnisse über das Virus nicht auflösten, sondern tatsächlich das Vertrauen in wahre Informationen über das Virus reduzierten (Carey et al. 2020).

Ganz egal, ob Fake-News oder nicht. Wenn wir einen Fakt widerrufen, fokussieren wir uns trotz der Verneinung auf den negierten Sachverhalt. Diesen Umstand nennt man Framing und ist den meisten vielleicht aus dem Sachverhalt bekannt, sich gerade jetzt keinen „rosa Elefanten vorzustellen“. Unsere kognitiven Prozesse sind insbesondere durch unsere Sprache so geprägt, dass wir uns den rosa Elefanten trotzdem als mentales Bild präsent hervorrufen. Die Negierung verstärkt also im schlimmsten Fall die eigentliche Fehlinformation.

Nun stellt sich jedoch die Frage, was stattdessen getan werden kann und sollte? Daher an dieser Stelle ein paar Vorschläge aus Sicht der Behavioural Insights: Statt der Bereitstellung von korrigierenden Informationen sollten

  • Bürgerinnen und Bürger durch Bildungsprogramme dazu aufgerufen werden, sich mit öffentlichen Gesundheitsinformationen zu befassen. Hier geht es vor allem darum, komplexe Informationen in einfacher Darstellung und klarer Sprache zu veranschaulichen und alle Bevölkerungsgruppen zu diesen Portalen zu lotsen
  • Ärzte, Pflegekräfte und Wissenschaftler (sowohl auf analogem Wege, als auch insbesondere digital über jeweilige Influencer oder Fernsehen) dazu aufgerufen werden, korrekte (aber nicht korrigierende) Informationen über die Krankheitsübertragung zu verbreiten. Hierfür könnten gut aufbereitete Materialien oder Leitlinien aufgestellt werden, die dann von den entsprechenden Botschaftern weitergetragen werden.
  • Öffentlich sichtbare Präventions- und Schutzmaßnahmen gefördert werden, die die Nachahmung durch „Gruppenzwang“ fördern. So zum Beispiel zu den präventiven Maßnahmen protektives Niesen/Husten, Hände waschen, Abstand halten und möglichst wenig ins Gesicht fassen.

Der Fokus sollte jedenfalls nicht auf der direkten Bezugnahme von Fehlinformationen, sondern auf der Schaffung und der Erhaltung vom Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung und das BMG liegen. Nur wenn dieses Vertrauen der Bevölkerung aufrechterhalten werden kann, kann die Bevölkerung auch in den nächsten Tagen und Wochen effektiv adressiert werden, um weitere Maßnahmen zur Einschränkung oder Verlangsamung der Virusverbreitung effektiv vorzunehmen. 

Wann man doch auf Fake-News aktiv reagieren muss

Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass alle Verantwortlichen in der aktuellen für uns alle ungewohnten und neuen Situation einen hervorragenden Job machen. Aus oben genannten Gründen empfehlen wir jedoch, die bestehende Reichweite und die in diesen Zeiten allerorts begrenzten Ressourcen aller Akteure auf Social Media, aber auch auf allen anderen Kanälen nicht zur Revidierung von Fake News zu verwenden. Stattdessen sollten bestehende Kapazitäten zur Kommunikation von wichtigen neuen Maßnahmen und neuen Informationen genutzt werden.

Eine Grenze darf bei Fake-News jedoch ganz klar nicht überschritten werden: Sobald Falschnachrichten aktiv zur Verbreitung des Virus beitragen sollten, muss aktiv darauf reagiert werden. Hierzu empfiehlt es sich in der Bevölkerung bekannte und beliebte Experten als Botschafter einzusetzen (Messenger Effekt).

Literaturverzeichnis

Carey, John M.; Chi, Victoria; Flynn, D. J.; Nyhan, Brendan; Zeitzoff, Thomas (2020): The effects of corrective information about disease epidemics and outbreaks: Evidence from Zika and yellow fever in Brazil. In Science advances 6 (5), eaaw7449. DOI: 10.1126/sciadv.aaw7449.

Gyenes, Nat; Mina, An Xiao (2018): How Misinfodemics Spread Disease. In The Atlantic, 8/30/2018. Available online at https://science.sciencemag.org/content/sci/363/6424/213.full.pdf, checked on 3/17/2020.

Merriam, Sarah; Behrendt, Hannah (2020): Covid-19: how do we encourage the right behaviours during an epidemic? Behavioural Insights Team. Available online at https://www.bi.team/blogs/covid-19-how-do-we-encourage-the-right-behaviours-during-an-epidemic/, updated on 3/17/2020, checked on 3/17/2020.

Spinney, Laura (2019): In Congo, fighting a virus and a groundswell of fake news. In Science (New York, N.Y.) 363 (6424), pp. 213–214. DOI: 10.1126/science.363.6424.213.

läuft_Mathias Krisam

Autor: Dr. Mathias Krisam

Arzt und Geschäftsführer von läuft
Schreiben Sie dem Autor für Feedback oder weitere Fragen zum Thema: mathias.krisam@laeuft.eu

läuft_Mona_Maier

Autorin: Mona Maier

Verhaltenswissenschaftlerin
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