Händehygiene und Behavioural Insights

Händehygiene und Behavioural Insights
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Die Problematik um behandlungsassoziierte Infektionen

In Deutschland treten jährlich zwischen 400.000 bis 600.000 behandlungsassoziierte Infektionen auf. Diese können im Zusammenhang mit einer stationären oder ambulanten Behandlung stehen. In 10.000 bis 15.000 Fällen führen diese sogar zum Tod (Bundesgesundheitsministerium 2015)! Verlängerte Krankenhausaufenthalte aufgrund solcher Infektionen stellen außerdem eine massive finanzielle Belastung des Gesundheitssystems dar. Auch das Gesundheitsministerium hat einen 10-Punkte-Plan zur Vermeidung behandlungsassoziierter Infektionen und Antibiotika-Resistenzen ins Leben gerufen, um u. a. Hygienestandards in Krankenhäusern weiter auszubauen.

Die perfekte (?) Lösung: Verbesserung der Händehygiene

Eine Verbesserung der Händehygiene in Krankenhäusern ist einer der vielversprechendsten Wege, um behandlungsassoziierten Infektionen vorzubeugen. So könnte eine angemessene Händehygiene des Krankenhauspersonals geschätzte 15-30% der behandlungsassoziierten Infektionen verhindern (Grol, 2003). Doch obwohl diese Erkenntnis schon länger besteht, liegen die Händehygiene-Compliance-Raten oft nur bei 50 Prozent (Erausmus, 2010). Auch wenn andere Untersuchungen höhere Werte angeben, fanden diese in der Regel unter direkter Beobachtung statt und spiegeln damit vermutlich nicht realistische Werte aus der Praxis ab.

Gründe für unzureichende Händehygiene

Untersuchungen haben gezeigt, dass sowie organisatorische, als auch psychologische Compliance-Barrieren bestehen:

Organisatorische Barrieren:

Psychologische Barrieren:

Eine hohe Arbeitsbelastung, welche noch durch zu wenig Personal angespitzt wird, sowie großer Zeitdruck sind Gründe, welche häufig von Pflegekräften aufgelistet werden. Des Weiteren tragen Schwierigkeiten beim Zugang zu Händedesinfektionsmittel sowie Mangel an entsprechend angeordneten Händedesinfektionsmittel-Spendern zu schlechten Compliance-Raten bei. Eine weitere organisatorische Compliance-Barriere liegt in unzureichendem Wissen zu den Regeln der Händehygiene.

Auch wenn ausreichend Wissen über die Richtlinien der Händehygiene vorhanden ist, kann ein falsch wahrgenommenes Infektionsrisiko bestehen. Da behandlungsassoziierte Infektionen nur sehr schwer zum Ursprung rückverfolgt werden können, bekommen Ärzt*innen und Pflegekräfte kaum Rückmeldung zu den individuellen Auswirkungen ihrer Händehygiene. Dies führt dazu, dass die Wichtigkeit der eigenen Compliance unterschätzt werden kann und eine Gefahr besteht, die Verantwortung andere abzuschieben.

Die Gründe für Nichteinhaltung der Richtlinien sind also vielfältig und sollten immer im jeweiligen Umfeld untersucht werden bevor neue Interventionen entwickelt und eingeführt werden. Es ist hierbei zu beachten, dass die Gründe je nach Umfeld sowie Berufsgruppe verschieden sein können. Es bestehen zum Beispiel Unterschiede zwischen unterschiedlichen Stationen in Krankenhäusern. Stationen mit einem Fokus auf die pädiatrische Patientenpopulation weisen insgesamt höhere Compliance-Raten auf als andere Stationen. Interessant ist, dass Ärzt*innen generell niedrigere Compliance-Raten als das Pflegepersonal haben (Wetzker, 2016).

6 bisherige Maßnahmenpakete zur Verbesserung der Händehygiene

Bisherige Initiativen (wie zum Beispiel „AKTION Saubere Hände“ und „Gemeinsam für Infektionsprävention“) lassen sich in sechs Pakete zusammenfassen und sind in der Tabelle zusammengestellt.

Nudging und Behavioural Insights können konkrete Interventionen noch effektiver machen

Bisher durchgeführte Maßnahmen haben Erfolge in der Steigerung von Händehygiene-Compliance Raten erreicht. Trotzdem muss noch einiges getan werden, um optimale Compliance-Levels zu erreichen. Eine Möglichkeit wie Compliance-Raten weiter erhöht werden können, ist die Einbindung von Nudging und Behavioural Insights. Es gibt eine Reihe unterschiedlicher psychologischer Mechanismen, (Heuristiken und kognitive Biases) die eine Rolle beim Händehygiene-Verhalten spielen. Hier können Nudges und Behavioural Insights ansetzen. Dazu müssen nicht komplett neue Interventionen entwickelt werden, sondern bestehende Maßnahmen können durch Nudges erweitert werden. Hierzu ein Beispiel…

…Deep Dive: Erinnerungen durch Poster

Poster, welche Ärzt*innen und Pflegekräfte an Ort und Stelle and Händehygiene-Maßnahmen erinnern sollen, können durch die Einbindung von Behavioural Insights so designt werden, dass sie noch effektiver wirken. So können die Informationen und Erinnerungen, die auf Postern übermittelt werden auf ganz bestimmte Art und Weise „geframt“ (dargestellt) werden, um besonders große Effekte zu erzielen.

Folgende Schritte empfehlen wir:

  1. Feststellung der Umfeld- und Berufsgruppen-spezifischen Gründe, welche optimale Compliance-Raten verhindern
  2. Entwickeln einer Botschaft, die relevante psychologische Mechanismen anspricht
  3. Botschaft so formulieren/framen, dass sie eine positive Einstellung erzeugt
  4. Poster-Nachricht direkt am Einsatzort platzieren
  5. Poster-Nudge nicht als eigenständige Intervention betrachten, sondern als unterstützende Maßnahme zur Optimierung bestehender Interventionsstrategien

Beispiel: Zwei erfolgreiche Poster-Nudges

Wissenschaftler an der Universitätsklinik Amsterdam untersuchen verhaltenspsychologische Ansätze zur Compliance-Verbesserung. Die Wissenschaftler entwickelten zwei Poster-Designs, die jeweils aus einer hygienerelevanten Grafik und einem griffigen Slogan bestanden:

  1. Die Hälfte aller Beschäftigten im Gesundheitswesen leistet gute Arbeit in der Händehygiene. Zu welcher Kategorie gehören Sie? (funktioniert über das Ansprechen über soziale Normen)
  2. „40 % mehr Händehygiene, 40 % weniger behandlungsassoziierte Infektionen“ (nutzt Verlustaversion und relative Risikovoreingenommenheit als relevante psychologische Mechanismen)

Wo finde ich tiefergehende Literatur zum Thema?

läuft_Mona_Maier

Autorin: Mona Maier

Verhaltenswissenschaftlerin
Schreiben Sie der Autorin für Feedback oder weitere Fragen zum Thema: mona.maier@laeuft.eu

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