Digital Behavioural Design: Der Schlüssel für erfolgreiche DiGAs

Digital Behavioural Design: Der Schlüssel für erfolgreiche DiGAs
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Digital Behavioural Design für erfolgreiche DiGAs

Eure Nutzer dazu bringen, dass sie geradezu nicht mehr ohne eure DiGA können? Eine Health-App zu bauen, die die Patienten begeistert und die sie Gleichgesinnten weiterempfehlen? Gleichzeitig durch ein hohes Engagement und eine hohe Retention Rate bessere Adhärenz und Therapieerfolge erzielen? Hört sich nach einem ziemlichen Traum an für alle DiGA-Hersteller, oder?

Genau mit diesen Zielen und mit welchen Werkzeugen man sie erreichen kann, setzt sich Digital Behavioural Design auseinander. Die Grundlagen dieses Ansatzes stelle ich euch in diesem Blog-beitrag vor.

Entwicklung von Behavioural Design: Wissenschaftlich fundierte Verhaltensänderung

Aufgrund von ständig wachsendem Interesse und Angebot von digitalen Gesundheitsanwendungen im nationalen, aber auch internationalen Umfeld hat sich eine Disziplin entwickelt, die sich Digital Behavioural Design nennt. Digital Behavioural Design definieren die Autoren Dalton Combs und Ramsay Brown wie folgt:

„Behavioural Design is a framework for intentionally and systematically changing human behaviour through persuasive modifications of the physical and digital environment.”

Frei übersetzt: „Behavioural Design ist ein Orientierungsrahmen, um bewusst und systematisch menschliches Verhalten durch überzeugende Modifizierungen der physischen und digitalen Umwelt zu verändern.“

Es handelt sich also um eine Art Werkzeugkasten, welcher wissenschaftlich fundiert, den Entwicklern Tools an die Hand gibt, um Menschen erfolgreich in eine bestimmte Richtung zu steuern. Dabei beruft sich Behavioural Design insbesondere auf die Disziplinen Psychologie, Neurowissenschaften und Verhaltenswissenschaften bzw. Verhaltensökonomie. Durch diese wissenschaftliche Fundiertheit kann zum einen erklärt werden, warum sich Menschen so verhalten wie sich verhalten. Zum anderen ermöglicht es aber auch genauere Vorhersagen, wie die Nutzer auf bestimmte Elemente der Applikation reagieren werden. Designänderungen/-elemente bauen also auf bewiesenen wissenschaftlichen Erkenntnissen auf und nicht auf Überlegungen, die zwar logisch erscheinen, aber noch nicht getestet wurden. Wichtig ist zudem, dass die Nutzer nicht zu einem Verhalten gezwungen, sondern davon überzeugt werden. Dabei haben Entwickler die Kontrolle vor allem über die digitale Umwelt, über die das Verhalten gesteuert wird.

Ziele, Grundlagen und Werkzeuge von Behavioural Design

Der Großteil unseres Verhaltens spielt sich im Rahmen von Routinen ab. Vieles davon passiert unbewusst, ob im Guten oder Schlechten. Der Schlüssel zum Erfolg für alle Hersteller von Gesundheits-Applikation liegt also darin, dass das eigene Produkt bzw. der eigene Service Teil der Routine der Nutzer wird. Der Nutzer bewegt sich also im besten Fall automatisch (ohne gedankliche Überwindung) immer wieder zur Benutzung der App. Damit dies geschieht, greift Behavioural Design auf eine Vielzahl an verhaltenswissenschaftlichen Tools zurück. Dazu zählen unter anderem verstärkendes Lernen, Cues bzw. Trigger oder auch für den Nutzer optimale Herausforderungen (Challenges). Diese Werkzeuge stelle ich in einem anderen Beitrag genauer vor.
Die Ansätze von Behavioural Design beruhen insbesondere auf dem CAR-Modell, welches für Cue (Reiz), Action (Handlung) und Reward (Belohnung) stehen. Auch dieses Modell stelle ich in einem anderen Beitrag genauer vor.

Behavioural Design unterstützt Ux-Design

Folgen wir obiger Definition, gibt es viele Schnittstellen zwischen Ux/Ui-Design und Behavioural Design. Auch diese bereits etablierten Disziplinen setzen sich insbesondere mit dem Verhalten und der Interaktion des Nutzers auseinander. Behavioural Design kann nun insbesondere Ux-Design unterstützen:

  1. Behavioural Design schafft einen wissenschaftlichen und konzeptionellen Rahmen, der in der Gestaltung der User Experience Orientierung bietet
  2. Behavioural Design schafft eine theoretische Grundlage, um zu erklären, wie und warum sich ein Nutzer so verhält wie er/sie sich verhält und entscheidet
  3. Gerade in der Testung von Designs kann Behavioural Design neben Erklärmodellen auch verschiedene Verhaltens-Szenarios vorgeben, die dann wiederum entwickelt und getestet werden

Behavioural Design bietet also ein wissenschaftlich und empirisch fundiertes Verständnis von menschlichem Verhalten, welches direkt in die Produktentwicklung von DiGAs übernommen werden kann.

Ethische Kriterien

Machen wir uns nichts vor: genügend Apps (insbesondere Soziale Medien) und Produkte (Worst Case Spielautomaten) sind darauf angelegt, dass wir sie so viel wie möglich nutzen. Dies führt leider im schlimmsten Fall zur Sucht. Behavioural Design kann zum Guten und Schlechten verwendet werden, doch sollte nach Combs und Brown auf folgenden ethischen Kriterien beruhen:

  1. Transparenz
  2. Ziel soll immer ein soziales Gut sein
  3. Übereinstimmung mit den Wünschen des Nutzers

Transparenz ist wichtig, um glaubhaft und integer zu bleiben; insbesondere, wenn wir gesundes Verhalten fördern möchten. Das Schöne ist: Obwohl Menschen die Techniken kennen, die sie beeinflussen, wirken diese Techniken trotzdem noch.

Die Förderung gesunden Verhaltens ist ein soziales Gut. Warum sollten wir Konzepte zur Steigerung des Nutzungsverhaltens, die schon lange von Apps wie Instagram und Twitter verwendet werden nicht in Apps verwenden die nicht nur den (oft sinnfreien) Zeitvertreib fördern, sondern unseren Gesundheitszustand verbessern?

Übereinstimmung mit Wünschen des Nutzers: Wenn ein Patient in Zukunft eine DiGA in Anspruch nimmt, ist davon auszugehen, dass ihm/ihr bewusst ist, warum die App verwendet werden soll und mit welchem Ziel: eine bessere Versorgung einer Krankheit. Möchte jemand dies nicht, kann er/sie sich jederzeit gegen die Benutzung der App entscheiden, genauso wie man sich frei entscheiden kann, ob man ein Medikament einnimmt oder nicht.

Der (finanzielle) Nutzen im Einsatz von Behavioural Design

Warum sollten DiGA-Hersteller die Erkenntnisse von Behavioural Design nutzen? Nun, man muss ich nur das Anerkennungs- und Entlohnungsverfahren im Rahmen des DVGs für DiGAs anschauen. Nach einer einjährigen Testphase wird der Nutzen und Mehrwert der DiGA kritisch geprüft. Der Hersteller muss also darlegen, dass durch die Benutzung seiner App ein nachweisbarer Nutzen entsteht. Nur dann kann die DiGA auch von den Kassen erstattet werden. Gleichzeitig richtet sich der Preis der DiGA nach der Größe des nachgewiesenen Nutzens. Kann ein Hersteller also eine sehr erfolgreiche App mit guten Behandlungserfolgen wie bessere Adhärenz und gute Symptomkontrolle nachweisen, steigt auch das finanzielle Einkommen. Der Schlüssel zu diesem Erfolg: Erfolgreiche Verhaltensänderung.

Fazit:

Behavioural Design ist ein neues, unheimlich spannendes und dynamisches Feld, welches sich sicher in den nächsten Jahren mit großen Schritten weiterentwickeln wird. Es bietet eine perfekte Ergänzung für bisherige Umsetzungen im Kontext von Ux-Design und gibt der Entwicklung und Testung eine noch bessere Orientierung. Gleichzeitig gibt es einen ethischen Rahmen vor, der stets kritisch geprüft werden sollte. Hersteller von DiGAs sollten daher unbedingt die Grundlagen von Behavioural Design in die Konzeption und Entwicklung ihrer Produkte mit einbeziehen.

Ihr wollt noch mehr dazu erfahren? Besucht gerne meine kostenlosen Webinare dazu, in denen ich euch erkläre wie ihr die Methodik bei euch einsetzen könnt

  1. Termin: Mittwoch, 3. Juni 2020, 10:00 – 11:00 Uhr Anmeldung hier
  2. Termin: Dienstag, 9. Juni 2020, 15:00 – 16:00 Uhr Anmeldung hier

Weitere Informationen zum Webinar folgen in den kommenden Tagen. Gerne könnt ihr euch schon per Mail anmelden. Schreibt einfach an: mathias.krisam@laeuft.eu

Wo finde ich tiefergehende Literatur zum Thema?

läuft_Mathias Krisam

Autor: Dr. Mathias Krisam

Arzt und Geschäftsführer von läuft
Schreiben Sie dem Autor für Feedback oder weitere Fragen zum Thema: mathias.krisam@laeuft.eu