Boosting und Gesundheit

Boosting und Gesundheit
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Boosting und Behavioural Insights

Nudging zählt sicherlich zu einem der „Buzzwords“ der Verhaltenswissenschaften bzw. Behavioural Insights. In vergangenen Artikeln haben wir bereits ausführlich über Nudging und Behavioural Insights berichtet. Heute möchten wir uns jedoch einem weiteren „Buzzword“ der Behavioural Insights zuwenden: „Boosting“.

Grüne-Yanoff und Hertwig begründeten diesen Begriff und seine Bedeutung 2016 in der Publikation: „Nudge Versus Boost: How Coherent are Policy and Theory“. Wir wollen uns daher heute diesem Begriff annähern, ihn erläutern, Beispiele nennen und ihn vor allem diskutieren im Kontext von Nudging und dem Feld der Behavioural Insights.

Boosting-Ziele: Selbstbestimmte Entscheidungskompetenz erhöhen

Grüne-Yanoff und Hertwig definieren Boosts wie folgt: “[Boosts are interventions in order] to extend the decision-making competences of laypeople and professionals alike … target the individual’s skills and knowledge, the available set of decision tools, or the environment in which decisions are made”.

Frei übersetzt sind Boosts also Interventionen, die die Entscheidungskompetenz sowohl von Laien als auch Professionellen erweitern. Dabei zielen sie auf individuelle Fähigkeiten und Wissen, die verfügbaren „Entscheidungs-Werkzeuge“ bzw. die Umwelt ab, in der Entscheidungen getroffen werden.

Letztendlich geht es bei Boosts also darum, interne Entscheidungskompetenzen zu fördern, damit Menschen selbstbestimmte Entscheidungen treffen können. Boosts gehen daher sehr stark in die Richtung „Empowerment“ von Individuen. Somit sind Boosts insbesondere dort sinnvoll, wo wir komplexe Entscheidungen mit vielen Informationen treffen müssen und bei denen, wir wenig Erfahrung bzw. Intuition besitzen, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Dies trifft zum Beispiel insbesondere auf statistische Aufgaben und Fragestellungen zu.

Beispiele von Boosts im Gesundheitswesen

Ein tolles Beispiel für Boosts sind die Faktenboxen der AOK. Hier werden auf der Basis von Cochrane Reviews – und damit der besten verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz – einfach verständlich komplexe Sachverhalte von Gesundheitsthemen aufbereitet. So informieren diese anschaulich und vor allem visuell über den Nutzen von Masernimpfungen, Brustkrebs-Screenings oder Nahrungsergänzungsmitteln. Es werden keine Empfehlungen gegeben, sondern der Leser kann sich selbständig informieren und entscheiden.

Auch in der Palliativmedizin bei sogenannten End-of-Lifetime-Decisions, also Therapieentscheidungen bei terminalen Erkrankungen werden sogenannte Decision Aids (Entscheidungshilfen) erfolgreich bei Ärzten und Patienten eingesetzt. So kann zum Beispiel abgewogen werden, ob eine weitere aggressive Chemo- oder Strahlentherapie tatsächlich einen Mehrwert für den Patienten darstellt.

Boosting vs Nudging

Letztendlich sind die Grundannahmen von Nudging und Boosting sehr ähnlich: wir treffen häufig nicht rein objektiv rationale Entscheidungen. Nudges versuchen daher, uns mit externen Veränderungen der Entscheidungsarchitektur in eine vorgegebene „gute“ Richtung zu stupsen. Boosts hingegen setzen darauf, keine Option vorzugeben oder indirekt zu empfehlen, sondern Menschen Werkzeuge an die Hand zu geben, um bessere selbstbestimmte Handlungen zu treffen. Dabei setzen also Nudges eher auf das nach Kahneman automatisch-funktionierende System 1, während Boosts eher das rationale System 2 unterstützen. Eine Grauzone tut sich bereits bei sogenannten „Educational Nudges“ auf. Auf Basis beider Definitionen könnte man daher das Aufdrucken der Anzahl an Würfelzuckern, die in einer Flasche Cola enthalten sind, sowohl als Nudge als auch als Boost bezeichnen.

Fazit: Boosting unbedingt in Gesundheitsinterventionen berücksichtigen

Meine persönliche Meinung ist, dass Diskussionen sich nicht auf diese konzeptionelle Unterscheidung konzentrieren sollten. Beide Methoden haben tolle Möglichkeiten und können häufig auch hervorragend gemeinsam eingesetzt werden. Wann welches Tool besser geeignet ist, hängt auch immer vom Kontext, der Zielgruppe und dem Ziel der Maßnahme ab. Sowohl Boosting als auch Nudging gehören definitiv in den Methodenkoffer eines jeglichen Gesundheitswissenschaftlers und auch in euren, wenn ihr gesundheitsfördernde Maßnahmen entwerft. Meldet euch gern bei weiteren Fragen!

Wo finde ich tiefergehende Literatur zum Thema?

läuft_Mathias Krisam

Autor: Dr. Mathias Krisam

Arzt und Geschäftsführer von läuft
Schreiben Sie dem Autor für Feedback oder weitere Fragen zum Thema: mathias.krisam@laeuft.eu

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